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Zwei Sprinter im Interview

03.08.2004

Zwei Sprinter im Interview

Jens Fiedler und Ronny Ostwald gehören zu den schnellsten Männern Deutschlands. Auf dem Rad und zu Fuß. Fiedler war im Radsprint zwei Mal Olympiasieger, Ostwald ist der aktuelle Deutsche Meister bei den Leichtathleten über 100 Meter. Beide werden bei den Olympischen Spielen in Athen in den Sprintwettbewerben antreten. Ronny Ostwald in der 4x100-Meter-Staffel des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Jens Fiedler im Sprint, Keirin und im Teamsprint auf der Radrennbahn. Der BDR-Medienservice hat beide zum Interview getroffen.

 

Jens Fiedler, sind Sie schon einmal 100 Meter gelaufen?

Jens Fiedler: "Bestimmt, das ist aber schon so lange her, dass ich mich kaum daran erinnern kann. Ich weiß aber, dass ich auf den ersten 10, 15 Metern bestimmt mit den besten Leichtathletik-Sprintern mithalten kann. Dann ist Schluss. Wenn ich an die 100 Meter denke, fällt mir immer das Olympia-Finale von Atlanta 1996 ein. Am Tag vor meinem eigenen Finale um die Goldmedaille ist mir bewusst geworden, dass die Jungs am Start stehen, nur die Ziellinie anvisieren und keinen Blick für den Gegner haben."

 

Ist das so, Ronny Ostwald?

Ronny Ostwald: "Ja, das ist genau so. Beim 100-Meter-Sprint musst du den Tunnelblick haben. Am besten wäre es, Scheuklappen zu tragen - wie die Rennpferde. Du darfst die Sprinter neben dir gar nicht wahrnehmen. Jeder Gedanke an den Nebenmann macht dich langsamer."

Jens Fiedler: "Wenn ich in Atlanta in den Finalläufen, als ich aus der letzten Kurve kam, nach meinem Gegner geguckt hätte, wäre ich sicher nicht Olympiasieger geworden. Das habe ich mir damals von den Weltklassesprintern in der Leichtathletik abgeschaut."

 

Was imponiert Ihnen an den Sprintkollegen in der anderen Sportart am meisten?

Ronny Ostwald: "Dass sie länger als zehn Sekunden Vollgas geben. Ich weiß, wie anstrengend es ist, zehn Sekunden mit aller Kraft zu sprinten, aber für die Jungs heißt es ja manchmal zwei Runden lang:  treten, treten, treten. Die sind bestimmt ganz schön außer Puste im Ziel."

Jens Fiedler: "Ja! Das heißt aber nicht, dass Radsprint anstrengender ist, schließlich haben wir noch eine Anrollphase. Es ist eine andere Art von Anstrengung. Bei uns ist aber der Nervendruck noch höher. Taktik spielt eine Riesenrolle. Es kann viel mehr passieren. Wenn dich dein Gegner austrickst, kannst du so schnell sein, wie du willst - dann verlierst du. Das kann dir über 100 Meter nicht passieren. Wenn du der Schnellste bist, keinen Fehler machst und deine Zeit läufst - dann gewinnst du."

 

Welche Gedanken hat ein Sprinter im Kopf, wenn er an den Start geht?

Ronny Ostwald: "Eigentlich sollte man immer ganz ohne Gedanken in den Startblock steigen."

Jens Fiedler: "Das ist bei uns ähnlich. Wenn ich kurz vor dem Start auf der Bahn stehe, und mein Trainer das Rad festhält, dann atme ich noch mal durch und versuche, völlig abzuschalten. Die Gedanken an die Taktik kommen erst wieder, wenn der Startschuss fällt."

 

Lässt sich das trainieren?

Ronny Ostwald: "Ja, mit autogenem Training und Konzentrationsübungen beispielsweise."

 

Machen Sie das?

Jens Fiedler: "Nein, weil es bei uns nicht das Entscheidende ist. Mit dem Startschuss geht ja nicht das Rennen los, sondern die Einrollphase beginnt. Bei uns ist das Spiel mit dem Gegner viel wichtiger als die Explosion mit dem Startschuss. Da helfen solche Methoden nicht viel. Ich habe das schon ausprobiert, aber es hat nicht angeschlagen. Die Wettkampfsituation im Radsprint lässt sich kaum simulieren, weil sie immer anders ist."

Ronny Ostwald: "Über 100 Meter ist der Bewegungsablauf immer gleich. Deshalb stellen wir uns ihn im Training oft vor: Wir machen die Augen zu, der Trainer hat die Stoppuhr in der Hand, gibt das Startkommando und wir rennen in Gedanken mit 42, 43 Schritten die Gerade hinunter. So lange, bis der Ablauf automatisiert ist und ich in Gedanken den perfekten Lauf gemacht habe."

Jens Fiedler: "Den gibt es bei uns nicht. Ich weiß ja nie, wie mein Gegner auf meine Taktik reagiert. Ich will ihm zwar meine Fahrweise aufzwingen, aber muss flexibel bleiben, um immer eine Antwort parat zu haben. Noch flexibler als im Sprint muss man im Keirin sein, wo man es mit sechs oder sieben Gegnern zu tun hat."

 

Wo starten Sie in Athen mit den größten Erfolgsaussichten? Keirin oder Sprint?

Jens Fiedler: "Teamsprint. Das ist meine erste Disziplin in Athen und dort werde ich als Anfahrer im deutschen Trio starten. Darauf konzentriere ich mich zunächst. Als Anfahrer habe ich keine Gegner, fahre aus der Startmaschine nur gegen die Zeit - fast wie ein 100-Meter-Läufer. Das habe ich zuletzt viel trainiert. Am meisten hilft mir aber dabei, dass ich Verantwortung für das Team trage und nicht nur für mich. Ich bin jetzt so lange auf höchstem Niveau dabei und im letzten Jahr ist es mir schwerer gefallen, mich zu motivieren und meinen Körper im Griff zu haben."

Ronny Ostwald: "Meine Konzentration gilt natürlich auch dem Teamwettbewerb in Athen, der 4x100-Meter-Staffel. Da wollen wir eine Medaille gewinnen und den deutschen Männersprint nach vielen Jahren endlich mal wieder gut dastehen lassen."

Jens Fiedler: "Dass die Leichtathletik-Sprinter sagen, sie wollen eine Medaille gewinnen, finde ich gut. Tiefstapelei hat mir noch nie gelegen, ich habe mich immer an hohen Zielen messen lassen, auch wenn ich dann schon mal Prügel eingesteckt habe, wenn ich sie nicht erreicht habe."

 

Gibt es bei den Teams im Sprint Chefs wie im Radsport auf der Straße?

Jens Fiedler: "Ich bin immer Chef (lacht). Aber im Ernst: Eine Führungspersönlichkeit, die motivieren kann, gehört schon dazu, und das bin ich, weil ich die meiste Erfahrung habe."

Ronny Ostwald: "Bei uns sind eher alle in der Staffel auf einer Stufe. Einen Chef haben wir nicht."

 

Die Leichtathletik-Sprinter werden in Athen wieder viel stärker im Fokus der Öffentlichkeit sein als die Radsprinter auf der Bahn. Woran liegt das?

Ronny Ostwald: "Das ist historisch bedingt. Leichtathletik ist einfach Kernsportart der Olympischen Spiele."

Jens Fiedler: "Außerdem können viel mehr Menschen mit dem Sprint zu Fuß etwas anfangen, weil es fast jeder schon mal gemacht hat."

Ronny Ostwald: "100 Meter laufen kann jeder."

Jens Fiedler: "Und wer kann Radsprint als Sportart betreiben? Allein  die finanziellen Voraussetzungen sind ganz andere, was kostet schon ein Paar Spikes im Vergleich zu einer Rennmaschine?"

 

Was für eine Beziehung haben Sie zu Ihrer Arbeitsausrüstung?

Ronny Ostwald: "Spikes müssen gut sitzen. Ansonsten spielt es keine große Rolle, was man für Spikes an den Füßen hat. Auf den Athleten kommt es an, nicht auf die Schuhe."

Jens Fiedler: "Das ist bei uns natürlich schwieriger. So eine Bahnmaschine kostet um die 10.000 Euro, und ich will das beste Material fahren, das auf dem Markt ist. Ohne optimales Rad kannst du so gut trainiert haben, wie du willst - Olympiasieger wirst du nie. Und wenn mir die Farbe des Rennrads nicht gefällt, kann ich damit nicht fahren."

 

Mit welchen Farben sind Sie am schnellsten?

Jens Fiedler: "Zuletzt bin ich immer weiß gefahren, in Athen werde ich auf einer schwarz-goldenen Maschine mit ein bisschen rot fahren. Das finde ich geil, zumal es gut zu meinem Hauptsponsor erdgas passt. Außerdem war ich als Kind Fan von Dynamo Dresden, die ja auch in Schwarz-Gelb spielen."

 

Um schnell zu sein, verbringen Sie beide viel Zeit im Kraftraum.

Jens Fiedler: "Na klar. Unser Training dort ähnelt sich zu großen Teilen."

Ronny Ostwald: "Nur die Umsetzung ist anders. Ich gehe aus dem Kraftraum oft auf die Kunststoffbahn und absolviere ein paar Sprints …"

Jens Fiedler: "... und ich setze mich aufs Rad und setze so Krafttraining um. Das ist für mich eine neuere Trainingsmethode, die ich mir von den Engländern abgeschaut habe."

 

Nebeneffekt des Krafttrainings sind muskelbepackte Körper. Gefällt Ihnen, was Sie sehen, wenn Sie vor dem Spiegel stehen?

Ronny Ostwald: "Schon ..."

Jens Fiedler: "...das ist doch normal, dass man ein wenig eitel ist, wenn man tagtäglich mit seinem Körper arbeitet. Bei mir dürfte es noch der eine oder andere Bauchmuskel mehr sein."

 

Ronny Ostwald, Ihr Lebenslauf ist untypisch für einen Deutschen Meister über 100 Meter...

Ronny Ostwald: "Stimmt. Ich habe erst mit 24 Jahren mit dem Sprint angefangen. Zuvor bin ich zehn Jahre lang in der DDR zur Schule gegangen, habe Maurer gelernt, war ein Jahr bei der Bundeswehr, bevor ich zum Bundesgrenzschutz kam, wo ich ohne Training bei einem kleinen Leichtathletik-Wettkampf mitgemacht habe und 100 Meter in 11,21 Sekunden gelaufen bin. Dann habe ich angefangen zu trainieren. Und ein halbes Jahr später bin ich Vierter bei den Deutschen Meisterschaften geworden."

 

Ist so etwas im Bahnradsport auch möglich?

Jens Fiedler: "Quereinsteiger gibt es immer, aber die kommen meistens vom Mountainbike oder BMX. Dass jemand erst mit Mitte zwanzig auf die Bahn kommt und die Szene aufmischt, ist schwer vorstellbar."

 

Die 100 Meter werden von schwarzen Sprintern aus den USA, Afrika und der Karibik beherrscht. Auf der Radrennbahn gibt es kaum erfolgreiche dunkelhäutige Athleten. Warum?

Jens Fiedler: "In Afrika fehlt das Kapital für wettkampftaugliche Räder und Bahnen, die USA spielen derzeit im Bahnradsport keine Rolle, und Barry Ford aus Barbados ist die Ausnahme. Um die Situation für die ärmeren Länder zu verbessern, hat die UCI das Trainingszentrum in Aigle in der Schweiz eingerichtet, wo Athleten aus der ganzen Welt trainieren können. Die Konkurrenz wird auch bei uns immer dichter."

 

Sie, Jens Fiedler, erleben in Athen ihre vierten Olympischen Spiele. Welche Ratschläge haben Sie für einen Neuling wie Ronny Ostwald?

Jens Fiedler: "Ruhig bleiben und sich nicht einschüchtern lassen, auch wenn das Medieninteresse riesig sein wird. Auch olympische Rennen sind von der Sache her nichts anderes als Bezirksmeisterschaften. Außerdem ist es wichtig, das Flair zu genießen, das Schöne Olympias in sich aufzusaugen, ohne dabei den Fokus auf den eigenen Wettkampf zu verlieren. Die Gemeinschaft mit Athleten aus anderen Sportarten kann auch unglaublich motivieren."

Ronny Ostwald: "Genau das habe ich vor."



 
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