Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde
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Erfurter Erklärung
Positionen und Forderungen des Fachverbands Ethik
 
Die Bedeutung der Ethik wächst.
In Wissenschaft und Politik, in Wirtschaft und Gesellschaft drängen ethische Fragen.
In einer weltanschaulich und moralisch heterogenen und dynamischen Gesellschaft müssen allgemein akzeptierte ethische Haltungen immer wieder neu gefunden werden. 
 
Der Schule fällt dabei die Aufgabe zu, einen wirksamen Beitrag nicht nur zu Bildung und Erziehung zu leisten sondern auch zur Integration Jugendlicher aus unterschiedlichen Weltanschauungen und Kulturen. Globale und wissenschaftlich-technische Herausforderungen und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und auf jeden Einzelnen erfordern eine dem jeweiligen Alter entsprechende Unterstützung der persönlichen Entwicklung und die Bearbeitung der Probleme, die in der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler ethisch bedeutsam sind. 
 
Der Unterricht in den Fächern Ethik, Werte und Normen sowie LER ist der geeignete Ort, um die dringend benötigten sozialen und ethischen, philosophischen und interkulturellen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zu entfalten.
 
Ziele der Ethikfächer sind die Herausbildung ethischer Empfindungs-, Urteils- und Handlungsfähigkeit, die Vermittlung von Grundkenntnissen zu Religionen und nicht-religiösen Weltdeutungen sowie die Entwicklung von sozio-moralischer Kompetenz als Grundlage fairer Konfliktlösungen. 
 
Die  Ethikfächer dienen der  Identitätsentwicklung der Heranwachsenden, fördern das Zusammenleben in unserer Gesellschaft, vermitteln religionskundliches und ethisches Wissen. Entsprechend gelten die Philosophie mit dem Schwerpunkt Ethik, Sozial- und Religionswissenschaft als Bezugswissenschaften. 
 
Die Ethikfächer leisten einen wesentlichen Beitrag für das Vermögen, sich selbst und andere wahrzunehmen, zu verstehen und verantwortlich zu handeln; Ich-Stärke, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein  sollen in einem Selbstkonzept münden, das die je eigene Identität im Kontakt mit anderen behauptet und entwickelt. 
Das Leben in unserer offenen und pluralistischen Gesellschaft erfordert ein hohes Maß an sozialen Kompetenzen. Durch die Reflexion aktueller Probleme, die Aneignung von sozialem Wissen und durch Übungen zu Kommunikation, Interaktion und Gruppenprozessen erlernen die Schülerinnen und Schüler in den Ethik-Fächern einen angemessenen Umgang mit sozio-moralischen Konflikten.  
 
Die Philosophie der Aufklärung hat in Europa der Religionsfreiheit sowie der interreligiösen und interkulturellen Toleranz zum Durchbruch verholfen. Die Ethik-Fächer vermitteln neben dieser Haltung der Toleranz auch grundlegende Kenntnisse aus Sozialwissenschaften sowie Religionswissenschaft und fördern so das Verstehen der eigenen und fremder Kulturen, die Integration von Migrantenkindern und einen interkulturellen Dialog.
 Die Ethikfächer vermitteln also eine eigenständige Kompetenz speziell im Hinblick auf ethische Fragestellungen; es geht darum, Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren und ihre Begründungen zu durchschauen, die ethische Urteilsfähigkeit systematisch zu entwickeln und eine urteilsgeleitete Handlungsfähigkeit zu trainieren. 
Gerade wenn es um Problemfelder geht wie die Rechtfertigung von Gewalttaten und Kriegen oder um die Begründung von Sterbehilfe und Gentechnik, ist ein staatlicher Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler eine entscheidende Hilfe, denn die späteren Erwachsenen werden verstärkt diese ethischen Diskurse führen müssen.
 
Vor diesem Hintergrund kritisiert der Fachverband, dass die Ethikfächer in vielen Bundesländern noch immer nicht als ein ordentliches Unterrichtsfach gelten,  vielmehr weiterhin im Status eines Ersatzfaches gehalten werden, und das teils seit über dreißig Jahren. Das bedeutet etwa eine Schlechterstellung bei der Ausstattung der Schulen mit Stunden und Lehrkräften, bei der Möglichkeit, Abschlussprüfungen in Ethik abzulegen, sowie bei der Ausbildung der Lehrkräfte. 
 
Bereits im Juni 1998 hat das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG 6 C 11.97) folgendes klargestellt: „Den Ethikunterricht als nicht gleichwertigen Ersatzunterricht aufzufassen, bedarf der verfassungskonformen Korrektur.“ Darüber hinaus stellt das Gericht fest: „Der Landesgesetzgeber wäre nicht gehindert, Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler vorzusehen....“
 
 
Der Fachverband Ethik fordert daher:
 
1. Die Kultusministerien der Länder müssen die Benachteiligung der Ethik-Fächer unverzüglich aufheben. Das bedeutet die Herstellung vollständiger Gleichwertigkeit von Ethikunterricht und Religionsunterricht in allen Bundesländern und auf allen Ebenen. 
 
2. Die  Kultusministerien müssen endlich die Abitur- und Prüfungsfähigkeit der Ethik-Fächer in allen Bundesländern herstellen. 
 
3. Die Universitäten und Hochschulen sollen unverzüglich eine ausreichende Anzahl von ordentlichen Studiengängen für Ethiklehrkräfte mit den Bezugswissenschaften Philosophie/Ethik, Religionswissenschaft und Sozialwissenschaften sowie angemessenen Didaktikanteilen einrichten. 

 
 
  Erfurt, im Juni 2003